Klimaschutz braucht Männer und Frauen!
Folgender Antrag wurde auf der LDK der NRW Grünen in Bochumgestellt.
Eine Glosse im Mach Et Juni 2007 nimmt auf ihn Bezug.
Beschlussvorschlag LAG Frauen zur LDK
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der grünen Klimaschutzpolitik berücksichtigen
Der Klimawandel hat zweifelsfrei eine Geschlechterdimension, die aber von der Klimaforschung und -politik derzeit kaum beachtet wird. Immer deutlicher zeigt sich, dass wichtige Faktoren für Klimaorientierung in den Erfahrungen der Alltagsorganisation von Menschen liegen. Dabei durchziehen Geschlechterunterschiede klimaschutzrelevante Bereiche wie Energie, Mobilität, Gesundheit und Ernährung. Unterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen sich darüber hinaus in der Wahrnehmung des Klimawandels, den Reaktionen darauf und in der Effizienz umweltpolitischer Maßnahmen. Informationen über Klimawandel und Klimaschutzpolitik erreichen die Geschlechter verschieden. Und nicht zuletzt sind Frauen und Männer lokalspezifisch jeweils unterschiedlich vom Klimawandel betroffen.
Wenn grüne Klimaschutzpolitik erfolgreich sein will, muss sie sich den Genderaspekten dieser Thematik öffnen. Daher möge die LDK beschließen:
· die Landtagsfraktion NRW, die Bundestagsfraktion, der Landesverband NRW und der Bundesverband werden aufgefordert,
- in ihren Klimadebatten, ihrer Klimapolitik und -kampagnen geschlechtsspezifische Aspekte öffentlich zu thematisieren und in Forderungen sowie Maßnahmen zu berücksichtigen;
- Genderanalysen zum Klimawandel und klimarelevanten Bereichen, insbesondere in landes- und bundesgeförderten Forschungseinrichtungen, zu fördern und zu unterstützen;
- Initiativen zu unterstützen und zu fördern, die für Geschlechtergerechtigkeit im Klimaschutz eintreten;
- auf allen politischen Ebenen im Bereich Klimaschutz auf eine deutlich stärkere Repräsentanz von Frauen hinzuwirken.
Begründung:
angfristig wird Geschlechterblindheit von Forschung und Politik zur Verstärkung des Klimawandels beitragen. Genderanalysen hingegen erweitern die Perspektive und können Verbindungen zu klimaschädlichen Produktionsweisen bzw. ressourcenintensiven Konsumstilen zielgruppenorientiert wieder stärker ins Zentrum der Diskussionen stellen. Dies betrifft gleichermaßen unterschiedliche Rollen von Frauen und Männern als Verursachende des Klimawandels als auch mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Prioritäten für den Klimaschutz. Zu berücksichtigen sind unterschiedliche Zugänge zu Entscheidungspositionen im Bereich der Energie- und Klimapolitik wie auch die Frage, wer von wenig klimafreundlichen Praktiken und Konsummustern am meisten profitiert. Denn obwohl die Datenbasis aufgrund unzureichender geschlechtsspezifischer Auswertung bislang noch dürftig ist, sind bereits jetzt deutliche Verhaltensunterschiede sowie Zugänge von Frauen und Männern in zentralen Bereichen des Klimaschutzes bekannt. Aber sie werden zulasten einer überwiegend technikdominierten Debatte ignoriert und damit wichtige Chancen für eine nachhaltige grüne Klimapolitik vergeben. Erst wenn die Akzeptanz und Wirkungsweise von Klimaschutz-Instrumenten besser beurteilt werden kann, sind wir in der Lage, die am besten geeigneten Maßnahmen auszuwählen. Geschlechterunterschiede bei der Planung von Klimaschutzmaßnahmen zu berücksichtigen ist ein gleichzeitiger Schritt hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und in Richtung einer Gesellschaft, in der nachhaltiger Klimaschutz nicht nur Vision, sondern konkrete Realität ist.
Wahrnehmung und Bewertung von Klimaveränderungen
Nach einer Studie des Umweltbundesamtes (2004) sind Frauen umweltbewusster und verhalten sich auch entsprechend, was unterschiedlichen Zugängen zu den Themen, Ressourcen und Aktionsfeldern zugeschrieben wird. Hingegen neigen Männer eher zur Umweltrhetorik, was sich in hohem Umweltbewusstsein, aber einer vergleichsweise gering ausgeprägten Handlungsintention ausdrückt. Frauen gelten als problem- und risikobewusster, was damit in Zusammenhang gebracht wird, dass sie in größerem Maße für Kindererziehung zuständig sind. Die Atomenergienutzung wird von Frauen stärker abgelehnt, insbesondere bei höher gebildeten Frauen mit hohem technischem Wissen. Bei Männern steigt die Akzeptanz von Atomenergie sogar mit zunehmendem technischen Wissen. Diese Unterschiede variieren neben der Betrachtung von Bildung auch bei den sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen etwa bezüglich des Erwerbsstatus und der (finanziellen) Ressourcen von Männern und Frauen.
Insgesamt nehmen Frauen und Männer die Risiken des Klimawandels unterschiedlich wahr. Als äußerst oder sehr gefährlich stuft mehr als die Hälfte der Frauen, aber nur 41% der Männer die durch den Treibhauseffekt hervorgegangenen Klimaveränderungen ein. Entsprechend sind Frauen auch stärker als Männer davon überzeugt, dass in den nächsten 20 bis 50 Jahren eine Klimaerwärmung unausweichlich ist. Auch das Vertrauen in die Rolle der Umweltpolitik variiert nach Geschlecht: Mehr Frauen als Männer bezweifelt, dass Deutschland die aus dem Klimawandel resultierenden Probleme bewältigen kann. Trotzdem sprechen sich 62,9 % Frauen, aber nur 53,8% Männer für eine Vorreiterrolle Deutschlands in der Klimapolitik aus.
Mobilität/Verkehr
Frauen nutzen bekanntermaßen nicht nur häufiger den ÖPNV, legen mehr Alltagsstrecken zu Fuß zurück und fahren die kleineren Autos mit einem geringeren Benzinverbrauch sowie CO2-Ausstoß. Laut repräsentativer Meinungsumfrage von Greenpeace (2004) sind sie auch eher bereit auf Autobahnen Tempo 100 einzuhalten (65% Frauen: 53% Männer). Ebenso ist die Bereitschaft mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren bei Frauen deutlich höher als bei Männern. An der Zunahme der Verkehrsintensität im sogenannten Freizeitverkehr sind, was den ökologisch problematischen Flugverkehr angeht, Männer in wesentlich stärkerem Maße beteiligt. Bei der Zahl der Flugreisen stehen 0,8 Flügen von Frauen 2,2 Flüge von Männern pro Jahr gegenüber.
Energie
Energieerzeugung und -nutzung werden bislang kaum unter einem geschlechtsdifferenzierten Blickwinkel betrachtet. Nach einer schwedischen Studie liegt der Energieverbrauch von Männern mittleren Alters doppelt so hoch, wie der gleichaltriger Frauen (Emma 5/6, 2007). Die Bereitschaft Ökostrom zu beziehen ist bei Frauen etwas höher als bei Männern und ihre grundsätzliche Ablehnung entsprechend geringer. So sind Frauen auch diejenigen, die in Haushalten beim Wechsel des Stromlieferanten für Ökostrom plädieren. Selbst Steuerungsinstrumente zur Verhinderung des Klimawandels sind nicht geschlechtsneutral. Emissionshandelssysteme beispielsweise verdanken einen großen Teil ihrer Attraktivität ihrer strikt ökonomischen Ausrichtung. Doch gerade finanzielle Mechanismen wirken sich auf das Geschlechterverhältnis aus, wie das haushaltspolitische Instrument Gender Budgeting zeigt. Unterstützung erneuerbarer Energien findet eben nicht nur durch politische und wirtschaftliche Entscheidungen statt. Entscheidend sind hier auch finanzielle Beteiligungen und individuelle Entscheidungen über Energiekonsum. Bislang ist wenig bekannt über die Höhe der Beteiligung von Frauen an beispielsweise Windparks oder größeren Photovoltaik-Anlagen. Aussagen der Betriebsgesellschaften schwanken zwischen 10 und 20% Frauenanteil an den KommanditistInnen. Wobei sich die Schätzung einzig auf die Anzahl, nicht auf die Höhe der Investitionen bezieht. Geringere finanzielle Spielräume bei Frauen als bei Männern wirken auch in andere Richtungen. So erklärten bei einer Befragungen zur Ökosteuer 49% der befragten Frauen, dass sie stark oder sehr stark durch die Steuer zum Stromsparen angeregt wurden (gegenüber 36% Männern). Zu einem sparsameren Umgang mit Heizenergie wurden 50% Frauen im Vergleich zu 43% Männer angeregt.
Gesundheit
Zunehmend heiße und trockene Sommer werden Frauen in ihrem Alltag als belastender wahrgenommen als von Männern. Am deutlichsten bei Gesundheitsaspekten und der Haus- und Fürsorgearbeit. Im Gesundheitsbereich zeigte sich in vergangenen Extremsommern, dass Geschlechterunterschiede offenbar auch eine Frage von Leben oder Tod ist. Frankreich verzeichnete im Sommer 2003 knapp 15.000 Hitzetote, wobei die Sterberate von Frauen in allen Altersklassen um 15 - 20% höher lag als die von Männern (WWF, Deutschland 2007).
Ernährung und Landwirtschaft
Obwohl die Leitung landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland nach wie vor zu fast 90% in männlicher Hand liegt, sind Frauen oft die treibende Kraft hinter einer Betriebsumstellung auf ökologischen Landbau und somit wichtige Bündnispartnerinnen. Sie sind aber im Bereich ökologischer Landwirtschaft und des Naturschutzes aufgrund patriarchaler Strukturen wenig sichtbar. So wird im Vertragsnaturschutz beim Abschluss von Verträgen zwischen Naturschutz und Landwirtschaft im die Betriebsleitung – in der Regel das männliche Familienoberhaupt – gefragt.
Der erhebliche Einfluss, den unsere täglichen Ernährungsgewohnheiten bekanntermaßen auf das Klima haben, und die entsprechenden Potenziale für den Klimaschutz werden bislang noch zu wenig diskutiert. Auch hier sind geschlechtsspezifische Unterschiede mehr als deutlich. Die Marktforschung zeigt, das Bio-Lebensmittel mehrheitlich von Frauen gekauft werden. Sie essen wesentlich mehr Gemüse und Obst und tendieren zu einer stärkeren Bevorzugung von Vollwertkost. Knapp 60% der Männer können sich ihren tägliche Speiseplan nicht ohne Fleisch vorstellen (gegenüber 30% Frauen). Nach wie vor sind erheblich mehr Frauen als Männer für den Einkauf und die Nahrungsmittelzubereitung in Familien zuständig. Die mögliche Schlussfolgerung, dass Frauen damit die Entscheidungsmacht darüber haben, was gegessen wird, scheint aber nur begrenzt zu stimmen. Besonders bezüglich des Fleischkonsums dominieren die Essbedürfnisse der männlichen Familienmitglieder den Einkaufszettel.
Partizipation und Gestaltungsmacht
Unmittelbar sichtbar sind Geschlechterunterschiede beim Klimaschutz auf der Ebene von Partizipation und Beteiligung. In den vorrangigen Handlungsbereichen Energieproduktion, Energienutzung und Mobiliät/Verkehr sind Frauen stark unterrepräsentiert. Das gilt für relevante Entscheidungsebenen in der Politik (von der UN bis in die Kommunen), Verwaltung, Verbände, Wissenschaft und Wirtschaft. In der Energiewirtschaft stellen Frauen nur knapp 20% der Beschäftigten und sind lediglich 6% der IngeneurInnen weiblich. Der Anteil von Frauen in Entscheidungspositionen liegt hier bei 4% (ISOE, 2006) und im Top-Management unter 1%. Bei den UN-Klimaverhandlungen schwankt der Frauenanteil in den Regierungsdelegationen zwischen 15 und 25%. Im deutschen Umweltministerium ist keine Frau in einer leitenden Funktion im Klimaschutz zu finden.
Information
Untersuchungen zeigen, dass Frauen ein deutliches Informationsdefizit bei Klimapolitik und Klimaschutz beklagen. Hier muss sich auch grüne Politik fragen lassen, wie sie die Thematik kommuniziert. Angesprochen werden eher technisch interessierte Personen. Beispielsweise wenden sich Aufklärungs- und Informationsbroschüren über erneuerbare Energien häufig an die vermeintlich für technische Entscheidungen zuständigen Männer. Die beste Klimaschutzpolitik nützt wenig bzw. ist in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt, wenn sie nicht an die Mehrheit der Bevölkerung – 52% Frauen– kommuniziert wird. Deshalb sind Informationen und Kampagnen zum Klimaschutz zielgruppengerecht aufzubereiten, wobei auch die jeweils speziellen Interessen und Wahrnehmungen von Frauen /Männern/Jungen/Mädchen berücksichtigt werden müssen.







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