
Erster Warnstreik der Allianz-Belegschaft in Köln am 28.6.2006
Stellungnahme von Jörg Frank, stv. Vorsitzender und wirtschaftspolitischer Sprecher der GRÜNEN im Kölner Rat, auf der Kundgebung vor der Allianz KölnLiebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Allianz,
meine Damen und Herren,
als uns am Vormittag des 22.Juni die definitive Nachricht der Allianz-Konzernführung erreichte, den Standort Köln schließen und in diesem immensen Ausmaß Arbeitsplätze auslöschen zu wollen, hat das bei uns nicht nur große Verärgerung hervorgerufen, sondern uns hat vor allem die beispiellose Skrupellosigkeit erschüttert, mit der über das Schicksal tausender Beschäftigter und ihrer Angehöriger verfügt wird.
Der noch am Nachmittag tagende Kölner Stadtrat hat dann einmütig seine deutliche Kritik an der Allianz-Führung und seine Solidarität mit Ihnen in einer Entschließung deutlich gemacht. Darin fordert er die Konzernführung auf, von der Schließung des Standortes Köln abzusehen und solidarisiert sich mit dem Protest der Beschäftigten zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Der Oberbürgermeister wird gebeten, sich auch weiterhin für den Erhalt der Arbeitsplätze am Versicherungsstandort Köln einzusetzen. Wir im Kölner Rat werden ihn dabei unterstützen.
Das Vorgehen der Allianz kommt mit einer radikalen „shareholder value“ Attitüde daher, die kurzfristig die Börsenkurse animiert, aber mittelfristig nicht rational nachvollziehbar ist. Der Verdacht liegt nahe, dass die Ansage massenhafter Arbeitsplatzvernichtung offenbar zuvorderst der Kurssteigerung dient.
Wir wissen, dass der Allianz-Vorstoß noch nicht alles ist, sondern zusammen mit dem geplanten Abbau weitere 2.500 Stellen der Allianz-Tochter der Dresdner Bank bis 2008 gesehen werden muss.
Warum ist das Allianz-Vorgehen auch aus stadtpolitischer Sicht kurzsichtig?
Köln als Dienstleistungs- und gerade auch als Versicherungsmetropole ist nach wie vor für die hier seit langem etablierte Versicherungsbranche attraktiv. Die aktuellen Meldungen der Gothaer bestätigen dies. Köln ist eine der Versicherungsmetropolen der Bundesrepublik. Die relevanten Namen der Versicherungswirtschaft Axa über die DKV bis Zürich Gruppe Deutschland sind hier ansässig.
Ebenso versicherungsspezifische Fachverbände wie der Verband der privaten Krankenversicherungen.
Den Standort Köln zu räumen, wird sich als Wettbewerbsnachteil erweisen. In Köln und der Region leben qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte der Versicherungsbranche. Das Angebot der Ausbildungsmöglichkeiten im Versicherungswesen ist - verglichen mit anderen Orten – gerade in Köln hervorragend. Ich weise nur auf die Universität Köln mit ihrem Institut für Versicherungswirtschaft, den Fachbereich Versicherungswesen an der Fachhochschule Köln sowie das Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft hin. In dieser Stadt ist viel Know-how. Nicht zuletzt verfügt Köln über ein dichtes Netz von Finanzdienstleistern und Unternehmensberatungen, die für Versicherungen wichtig sind.
Die Allianz will sich für den schärfer werdenden Wettbewerb mit einem großen Umbauprojekt fit machen, in dem sie 11 von 21 Standorte schließen will, auf großflächige IT-Lösungen und eine standardisierte, fabrikmäßige Kundenbetreuung setzt. Der Kunde wendet sich in der Regel nur noch an anonyme Call-Center.
Eine solch tiefgehende Umwälzung haben auch andere Finanzdienstleister schon vollzogen – vor allem die britischen Banken mit Call-Centern in Indien. Aber der Erfolg ist zum Teil sehr zweifelhaft. Hat es die Kundenbindung wirklich verbessert? In Großbritannien ärgern sich z. B. 81 % der Kunden über solche Call-Center. Nun liest man aktuell: Die Royal Bank of Scotland und andere wollen die Kehrtwende einleiten.
Die Produktangebote von Versicherungen und Banken liegen für den Normalkunden oftmals eng beieinander und entscheiden sich manchmal nur um Nuancen.
Auch einer Konzern-Führung wie Allianz müsste klar sein, die spezifische, individuelle Kundenbindung und das Image des Hauses sind dann letztlich ausschlaggebend, mit wem der Kunde einen Vertrag schließt.
Kundenbindung und -gewinnung funktioniert aber nicht allein über massiven IT-Einsatz, sondern dazu bedarf es fachkundiger, erfahrener und vor allem motivierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Und last but not least: Mit ihrer Extrem-Strategie hat die Allianz-Führung bereits jetzt einen gewaltigen Schritt getan, das Image bei ihren Kunden und potenziellen neuen Kunden auf breiter Front zu ramponieren.
Ich betone dies auch deshalb, weil für sie darin auch eine Chance steckt, in Ihrem Bemühen, dem radikalen Allianz-Kurs entgegenzuwirken.
Ein weit wichtigerer Verbündeter in ihrem Kampf um den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze ist nämlich neben der Politik, deren Möglichkeiten nun mal eingeschränkt sind, der Verbraucher und die Macht des Verbrauchers. Daran sollten Sie denken und dies gegenüber der Konzernführung deutlich machen.
Wir – von Seiten der Kölner Stadtpolitik – werden Sie und Ihre Vertreter in Ihrem Kampf nach Kräften und unter Nutzung unserer Möglichkeiten unterstützen.
Seien Sie sich dessen gewiss.
Trotz der Schwierigkeiten, halte ich diesen Kampf keineswegs für aussichtslos.
Also: Lassen wir uns nicht unterkriegen!
Köln braucht die Allianz, aber die Allianz braucht auch Köln!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.