Sieg und Niederlage
Der LVR-Turm kommt, aber das Hochhauskonzept auch
Der Streit um den LVR-Turm, der nach dem Willen des Rheinischen Zusatzversorgungskasse unbedingt 103 Meter hoch vis-à-vis des Kölner Doms plaziert wird, hat monatelang die öffentliche Diskussion weit über Köln hinaus beherrscht, bis er fast zu einer schwarz-grünen Koalitionskrise zu eskalieren drohte.
CDU und Grüne verständigten sich schließlich auf einen Kompromiss. Der Turm wird zwar gebaut, jedoch soll nun Köln endlich ein Hochhauskonzept erhalten, das CDU und Grüne bis Mitte 2004 im Rat beschließen wollen. Es soll Tabuzonen für den Dombereich, die Altstadt innerhalb der Ringe und das innerstädtische Rheinufer festlegen. Ohne Konzept wird es keine weiteren Hochhausbeschlüsse geben.
Und schließlich wird das im Kölner Norden so umstrittene Verfahren zur Teilbebauung des Rennbahngeländes gestoppt und ein Mediationsverfahren eingeleitet. Der Turmbau ist sicherlich eine Niederlage – nicht allein für die Grünen, sondern vor allem für den Dom, das Stadtbild und das internationale Ansehen Kölns; nicht wenige Befürworter überboten sich in kleinkarierten Posen und miefiger Provinzialität. Doch das Ende des Durchgewurschtels durch ein Hochhauskonzept ist unbestreitbar ein Erfolg.
Barbara Moritz analysiert, wie es dazu kam.
Die Fronten
Die Hochhauskontroverse hat wochenlang die Gemüter erhitzt. Letztlich waren es im Rat nur noch die Grünen, die den Turmbau kritisierten und ihn für falsch halten. Ihnen stand eine breite Meinungskoalition aus SPD, FDP, CDU, Oberbürgermeister und nicht zuletzt den Spitzen des großer Kölner Verlagshauses entgegen, die über Kölner Stadtanzeiger (KstA) und Boulevardblatt „Express“ die Trommel für den Turm schlugen. Die Fachöffentlichkeit, ihre Verbände, die internationale Denkmalpflege, die UNESCO und nicht zuletzt der Kölner Gestaltungsbeirat, die Bezirksvertretung Innenstadt und viele Kölner und Kölnerinnen kritisierten dagegen den Trumbau und den mangelnden Respekt der Stadtplanung vor dem kulturellen Erbe der Stadt. Im „Hochhaussymposium“ wunderten sich die eingeladenen Planungsdezernenten aus München, Wien, Stuttgart und Frankfurt, wie in Köln geplant wird: Erst unabänderliche Beschlüsse fassen, dann darüber diskutieren. Der Vertreter von ICOMOS, der internationalen Denkmalpflege, argwöhnte gar, dass das „Hochhaussymposium“ nur dazu diene, eine bereits gefällte Entscheidung nachträglich zu legitimieren. FDP und SPD lehnten das Symposium mit vorgeschobener Kostenkritik ab. Vor einem Jahr hingegen waren sie noch dafür. Der Oberbürgermeister erklärte gar, das er kein Symposium brauche, denn wisse bereits vorher, was dabei herauskommen würde: Der Turm wird gebaut, ganz gleich, was die Experten sagen.
Opportunismus pur
Völlig opportunistisch gebärdet sich die FDP. Zum Turmbefürworter mutiert, kritisiert sie die Grünen als „wirtschaftsfeindlich“, obwohl offensichtlich der Turmbau das Investment des Hochhausensembles am Bahnhof Deutz beeinträchtigen kann. Noch am 30.10.2001 riskierte FDP-Fraktionschef Sterck einen Koalitionskrach mit der CDU im Stadtentwicklungsausschuss: „RM Sterck kritisiert für die FDP-Fraktion, dass dieses Hochhaus der städtebaulichen Intention des Preisträgerentwurfs von Jaspert und Steffens völlig entgegensteht. Seiner Meinung nach beabsichtigt der Investor nach jahrelangem Brachliegen der Fläche, die positiven Standortauswirkungen des ICE-Terminals abzuschöpfen mit der Gefahr, dass den anderen Hochhäusern die wirtschaftliche Grundlage entzogen wird. Er bedauert, dass der Gestaltungsbeirat nicht am Verfahren beteiligt wurde und die Entscheidung maßgeblich von Personen, die an keiner der themenbezogenen Veranstaltungen teilgenommen haben, beeinflusst wurde. Die FDP lehnt dieses Verfahren ab.“ Vorab sprach Sterck am 20.9.01 im KstA von „miserabler Planungskultur“. Man werde der Bebauungsplanänderung keinesfalls zustimmen und beklagt sich über den Druck, den CDU-Fraktionschef Bietmann und Oberbürgermeister Schramma auf die Fachpolitiker ausüben. „Die beiden kommen aus dem Tal der Ahnungslosen und entscheiden.“, empört er sich.
Schluss mit „muddling through“
„Muddling through“ steht neudeutsch für Durchwursteln als bisherige Kölner Linie in der Hochhausfrage. Seit 10 Jahre „arbeitete“ Stadtentwicklungsdezernent Fruhner an einem Hochhauskonzept. 1992 forderte die SPD ein Hochhaussymposium, dessen Durchführung der Planungsdezernent ablehnte mit der Begründung, die Durchführung koste 1 Mio DM. Dies könne man angesichts der Haushaltslage nicht verantworten.
Immer wieder verlangte die Politik ein verlässliches Konzept und stieß dabei auf erbitterten Widerstand. Fruhner bevorzugte die „Briefmarkenplanung“ - hier ein Großprojekt, dort ein Großprojekt. Warum sich durch Konzepte einengen lassen. So wollte er Investoren besser bedienen. Fruhners Vision vom „modernen Köln“ gipfelete im „Rheinhattan“ auf der rechten Rheinseite. Mangels Konsens zwischen Politik und Verwaltung hat Köln – im Gegensatz zu allen anderen wichtigen deutschen Großstädten - bis heute kein Hochhauskonzept.
Übrigens bemängelten auch Investoren, dass es in Köln keine nachvollziehbaren und verlässlichen Planungskriterien gäbe.
Neue Planugskultur
Die Grünen haben den Streit um den LVR-Turm gegen eine Übermacht von Befürwortern verloren. Mit den Grünen sind viele KölnerInnen und zahlreiche Fachleute enttäuscht und empört. Koalitionsintern wurde heftig diskutiert. Aber hätte ein Bruch der Koalition angesichts der breiten Ja-Front im Rat etwas positiv verändert? Der Turm wäre erst recht gebaut worden.
In der Niederlage steckt aber auch der Erfolg: Die konzeptionelle Umsteuerung der zukünftigen Planung, wie es im Zusatz zum Koalitionsvertrag vereinbart wurde. Solange es kein Konzept gibt, wird es keine weiteren Hochhausbeschlüsse geben.
Angesichts neuer Investorenbegehrlichkeiten für Hochhäuser in der Innenstadt ist dies keineswegs zu unterschätzen. Der neue Planungsdezernent wird ab Januar die Konzeptentwicklung führen. Es wird höchste Zeit für eine andere Planungskultur in Köln.