"Lebensmittel retten!": Rückblick auf unser Treffen mit Johannes Remmel im COLABOR

Teilnehmer der Podiumsdiskussion (Valentin Thurn, Andrea Asch, Nicole Klaski, Nina Brutzer, Christoph Müller-Dechent)

Die am 24.08.14 stattgefundene Veranstaltung „LEBENSMITTEL RETTEN! Wie gelingt es uns, weniger zu verschwenden?“, die von Andrea Asch (MdL NRW) und dem Arbeitskreis Konsum der Kölner Grünen organisiert wurde, fand regen Zulauf der interessierten Öffentlichkeit. Das COLABOR, welches als Kooperationspartner seine Räumlichkeiten in Köln-Ehrenfeld zur Verfügung stellte, war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Nachdem sich alle Teilnehmer an einem reichhaltigen Buffet stärken konnten, welches ausschließlich aus Lebensmitteln bestand, die am gleichen Tag im Einzelhandel vor der Vernichtung gerettet werden konnten, begannen die Impulsvorträge der verschiedenen Podiumsteilnehmer.

 Valentin Thurn, Autor und Regisseur von „Taste the Waste“, berichtete von seinen ersten journalistischen Projekten zum Thema „Lebensmittelverschwendung“ im Jahr 2007, und der Entwicklung bis zum heutigen Tag. Als Folge von „Taste the Waste“ (zu dem der Ak Konsum 2012 eine Podiumsdiskussion veranstaltet hatte: http://gruenlink.de/tio) reagierte die damalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner mit der Kampagne „Zu gut für die Tonne!“, die sich leider ausschließlich an die Verbraucher wandte.  Erst jetzt wird eine Studie in Zusammenarbeit mit der Uni Münster in Auftrag gegeben, die Benchmarks von Industrie und Handel aufzeigt, wie die Verschwendung von noch verwertbaren Lebensmitteln reduziert werden kann. Valentin Thurn zeigte zudem Positiv-Beispiele im europäischen Ausland auf. So sitzen in Großbritannien Politik und Wirtschaft an einem Runden Tisch, und verhandeln Grundsätze, die auch in der Praxis eingehalten werden. Belgien geht einen Schritt weiter, dort ist es Einzelhändlern gesetzlich untersagt, Lebensmittel unter bestimmten Rahmenbedingungen wegzuwerfen. Immerhin hat auch Deutschland mittlerweile kleine Erfolge zu verzeichnen: Supermärkte machen es Pächtern von Bäckerei-Filialen in den Märkten immer weniger zur vertraglichen Vorschrift, die eigenen Regale bis zum Ladenschluss mit nahezu allen Sorten an Broten und Brötchen gefüllt zu haben, was zu einer massiven Verschwendung führen muss, da diese am nächsten Tag weitestgehend nicht mehr verkauft werden können.

Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Naturschutz und Verbraucherschutz in NRW, stellte in seinem Redebeitrag fest, dass die Thematik „Lebensmittelverschwendung“ die meisten Reaktionen und Nachfragen in seinem Ministerium hervorruft. Doch reicht dieser emotionale Protest der Bevölkerung nicht aus, um dem Problem Herr zu werden, auch politisch-strukturelle Maßnahmen sind erforderlich, um Lebensmittelproduzenten, Einzelhandel und den Verbraucher zu einem Umdenken zu bewegen. Dies beginnt mit der Entwicklung von Unterrichtsmaterialien zum Einsatz in Schulen, denn die Wertschöpfungskette kann nur dann optimiert werden, wenn die Wertschätzungskette entsprechende Beachtung findet. Johannes Remmel führte aus, dass die weltweit nutzbare landwirtschaftliche Fläche für die Ernährung von 12 Milliarden Menschen ausreicht, durch die ungleiche Verteilung von Ressourcen und der übermäßige Fleischkonsum in den Industrieländern aber ein Ungleichgewicht hervorruft, welches Hunger und Armut in vielen Erdteilen zur Folge hat. Auch in NRW gibt es einen Runden Tisch mit Vertretern von Handel, Lebensmittelproduzenten, Forschung, Verbrauchern und Politik. Letztendlich liegt die Verabschiedung von legislativen Maßnahmen aber in der Hand der Bundesregierung.

Nicole Klaski ist Geschäftsführerin von foodsharing.de, und Gewinnerin des Social Impact Awards. Zusammen mit einer Kollegin präsentierte sie ihr Konzept für einen „Second Chance Supermarkt“, in dem Produkte angeboten werden, die im herkömmlichen Einzelhandel bereits aussortiert wurden, obwohl sie noch unbedenklich verzehrt werden können. Es wurde außerdem über die weitere Entwicklung von foodsharing.de berichtet, und wie Unternehmen zur Abgabe von Lebensmittel gewonnen werden können, was eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten zur Folge hat, da auch die Kosten zur Lebensmittelentsorgung reduziert werden können.

Christoph Müller-Dechent gehört gemeinsam mit seinem Bruder zu den Initiatoren des Kölner Start-Ups „FoodLoop“, welches sich zum Ziel gesetzt hat, der Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel systemisch entgegenzuwirken. Durch den Einsatz von modifizierten Barcodes, die Informationen zum Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) enthalten, sollen Konsumenten an der Kasse automatisch Preisreduktionen für Lebensmittel erhalten, die kurz vor Ablauf des MHD stehen. Zur Einführung eines solchen Abverkauf-Systems im Einzelhandel spricht FoodLoop mit allen an der Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen, um ein schlüssiges Gesamtkonzept zu entwicklen, welches auch einen Businessplan beinhaltet, der die Einzelhändlern zur Implementierung bewegen soll. Dieses Vorhaben beschränkt sich nicht nur auf den deutschsprachigen Raum: So führt FoodLoop auch im europäischen Ausland und in den USA erfolgreich Gespräche mit großen Handelsketten, mit dem Ziel, eine erste Pilotierung vorzunehmen, die dann in einen flächendeckenden Roll-Out führt. Christoph Müller-Dechent und seine Kollegen sind bereits mehrfach für ihr Konzept ausgezeichnet worden.

Nach den Impulsvorträgen begann eine Podiumsdiskussion entlang der Fragestellung, welche Anforderungen an die Politik gestellt werden können, um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Als mögliche Maßnahmen wurden eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit sowohl zur allgemeinen Verschwendung, wie auch zu Einzelthemen wie dem Mindesthaltbarkeitsdatum diskutiert. Auch Aktionen wie der „Zero Food Waste Day“, wie man sie bereits aus den USA kennt, sind als sinnvoll erachtet worden.