Aktiv gegen Rassismus


Veröffentlicht am: 05. März 2013

Auch in diesem Jahr ruft der Interkulturelle Rat in Deutschland gemeinsam mit über 70 weiteren Organisationen dazu auf, im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus mit Veranstaltungen und Aktionen auf das Problem des Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Im Zentrum der Internationalen Wochen gegen Rassismus steht der Internationale Tag gegen Rassismus, der von den Vereinten Nationen 1966 in Gedenken an das Massaker von Sharpeville am 21. März 1960 in Südafrika ausgerufen wurde.

In einer Zeit, zu der wir die traurigen 20jährigen Jubiläen der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln begehen, beobachten wir gleichzeitig wie hindernisreich die Aufklärung der rechtsterroristischen Mordserie des NSU verläuft und wie viele eklatante Fehler bei den Ermittlungen gemacht wurden, während die aktuelle Bundesregierung die Arbeit gegen Rechtsextremismus unzureichend finanziert. Wir wissen, dass es bei dem Internationalen Tag gegen Rassismus nicht nur um das Gedenken geht. Rassismus ist leider immer noch alltägliche Realität in dieser Gesellschaft. Die Spanne reicht von herabwürdigenden Reaktionen in Alltagssituationen, Diskriminierung bei Behörden, der Wohnungssuche und in Bewerbungsverfahren über Beleidigungen und offene Anfeindungen bis hin zu rassistischer und rechtsextremer Gewalt. Die Amadeu Antonio Stiftung zählt aktuell 182 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990. Laut Kriminalstatistik wurden im Jahr 2011 in NRW allein 190 politisch rechts motivierte Gewalttaten erfasst. Aktuelle Studien zu rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen in der Gesellschaft zeigen deutlich, dass rassistische und andere menschenfeindliche Einstellungen in der ganzen Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet sind und rassistische Ressentiments ansteigen. Dies alles für sich betrachtet ist bereits besorgniserregend. Doch ein Blick unter die Oberfläche zeigt, wie stark rassistische Denkmuster unsere Gesellschaft prägen. Auch nach über einem halben Jahrhundert Einwanderungsgeschichte sind die gesellschaftlichen Strukturen immer noch nicht in dem Maße interkulturell geöffnet, wie es für eine Gesellschaft mit so großer kultureller, ethnischer und religiös-weltanschaulicher Vielfalt angemessen und notwendig wäre. Die Repräsentation von Menschen mit Migrationsgeschichte in Politik, Medien, Wirtschaft und im Bildungssystem ist weiterhin unzureichend. Durch verschiedene Untersuchungen wissen wir, dass sich Menschen mit Migrationsgeschichte ca. achtmal so häufig bewerben müssen, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie sind auch häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, wenn sie einen hohen Bildungsabschluss haben, als Menschen mit Migrationsgeschichte, die gar keinen Abschluss haben. Diese strukturelle Diskriminierung führt u.a. dazu, dass gut ausgebildete Fachkräfte und AkademikerInnen Deutschland verstärkt verlassen. Strukturelle Diskriminierung ist aber nicht nur prägend für die Betroffenen. Sie verhindert auch maßgeblich die Gleichstellung gesellschaftlicher Gruppen sowie die Durchmischung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche. Hierdurch werden Potenziale, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, nicht genutzt. Ursächlich für diese Ausgrenzungsprozesse sind rassistische Deutungs- und Denkmuster, die über kollektive Kommunikation immer wieder reproduziert werden. Die gesellschaftlichen Debatten über Minderheiten waren in den letzten Jahren besonders stark von rassistischen Diskursen dominiert. Am Beispiel des seit Jahrzehnten konstant hohen und weit verbreiteten Antisemitismus oder des antimuslimischen Rassismus, der aktuell stark angestiegen ist, zeigen sich die Erklärungsmuster des Rassismus sehr deutlich. MuslimInnen werden als homogene, kulturell/zivilisatorisch unterlegene und gefährliche Gruppe gezeichnet mit dem Ziel die genau gegenteiligen Merkmale für die Mehrheitsgesellschaft zu reservieren. Mit der Realität muslimischen Lebens, die durch eine große Pluralität muslimischer Gemeinschaften und von sozioökonomischen Rahmenbedingungen geprägt ist, haben diese Bilder nichts zu tun. Es findet also eine Aufwertung des „Selbst“ über die Abwertung des „Anderen“ statt. Obwohl beim antimuslimischen Rassismus biologistische Markierungen durch kulturalistische Konstruktionen ersetzt werden, ist das Grundmuster rassistischer Wertungen, das sich in der rassistischen Abwertung von allen marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen findet, eindeutig zu erkennen. Sprache spielt hierbei eine zentrale Rolle.