Interview mit Fraktionsgeschäftsführer Lino Hammer und Kidical-Mass-Sprecherin Simone Kraus

Kreisverband
Veröffentlicht am: 05. Mai 2021

Wie kommen wir zur Mobilitätswende? Viele wollen eine Stadt, in der Bus und Bahn sowie der Fuß- und Radverkehr eine größere Rolle spielen, in der öffentliche Räume attraktiv gestaltet sind und Aufenthaltsqualität bieten. Aber wie kommen wir dahin?

Denken wir mal aus der Zukunft. Wir haben die Mobilitätswende geschafft - woran merkt ihr das?

Simone Kraus: Daran, dass mein täglicher Arbeitsweg mir auf einmal Spaß macht. Unsere Kinder fahren eigenständig zur Schule, zu Freunden oder zum Sport. Wir schicken sie auf die Straße, wo schon andere Kinder spielen. Dort sind viel weniger Autos, es gibt urbanes Grün und Bäume. Und viele Leute auf der Straße: Es treffen sich nicht nur die Eltern auf dem Spielplatz, sondern jung und alt auf der Straße.

Lino Hammer: Dazu kommt: Wir haben einen intelligenteren ÖPNV. Wenn ich Dinge nicht mit dem Rad oder zu Fuß erledigen kann, stellen mir KVB und andere Anbieter entsprechende Angebote flexibel zur Verfügung. Und die FDP würde nicht zu jedem wegfallenden Parkplatz einen Änderungsantrag stellen.

Simone: Wir haben ja die Vision der Kidical Mass: „Alle Kinder und Jugendlichen können sich selbstständig, mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem ÖPNV, durch die Stadt bewegen. In der grünen Metropole gibt es vielfältige Freiräume für die Begegnung zwischen den Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.“

Beim Thema Mobilität geht es auch um Freiheit. Was bedeutet Freiheit hier für Familien, was bedeutet sie für Kinder?

Lino: Freiheit heißt, mit dem Verkehrsmittel meiner Wahl zu jeder Zeit da hinzukommen, wo ich hinmöchte. Ich kann ungestört Rad fahren, ich muss mir bei Bus und Bahn keine Gedanken machen und Fahrpläne studieren, sondern kann mich zu jeder Zeit durch die Stadt bewegen.

Simone: Freiheit ist Wahlfreiheit. Viele Familien würden gerne mehr Rad fahren, aber ihnen sind die Straßen zu schlecht und zu voll mit Verkehr. Dann machen sie es nicht. Radfahren bringt ein starkes Gefühl von Freiheit. Als unsere jüngste Tochter das erste Mal Rad gefahren ist, hatte sie einen genialen Gesichtsausdruck: Ich kann mich eigenständig und aus eigener Kraft bewegen! Zu Fuß gehen gibt einem die Freiheit, den Lebensraum zu entdecken - die Schafsherde am Rhein verpasst man im Auto. Viele sind gefangen in ihrer Selbstoptimierung. Das ist stressig für Kita-Kinder. Heute Ballett, morgen Geige, das geht nur, wenn du schnell unterwegs bist. Da krankt unser Lebensmodell, der Druck auf die Kinder ist sehr groß. Zur Freiheit gehören kurze Wege, auch für die Eltern, die weniger Mobilitätsdienstleister sein müssen.

Ein anderes Thema ist Sicherheit. Simone hat im Greenpeace Magazin gefragt: "Warum sind uns Parkplätze wichtiger als (die Sicherheit) unsere(r) Kinder"? Ist das so in Köln?

Lino: Ich fürchte, ja. Wobei bei Umplanungen zunehmend Parkplätze wegfallen - auf der Vogelsanger Straße alle auf den Gehwegen, bei der Christoph- und Magnungsstraße 70 Parkplätze für gute Radstreifen. Wichtig ist auch das illegale Parken, zum Beispiel in Kreuzungsbereichen. Hier muss der Verkehrsdienst konsequent abschleppen. Und wir brauchen einen Mentalitätswandel. Viele denken: „Wo‘s nicht explizit verboten ist, darf ich“. Aber Falschparken ist kein Kavaliersdelikt, das ergibt wirklich gefährliche Situationen.

Simone: Bei einzelnen Maßnahmen wird doch um jeden Parkplatz gefeilscht. Mich ärgert es auch, wenn komplett auf dem Gehweg geparkt wird. Vor allem, wenn man die Kleinen mit dem Fahrrad auf dem Fußweg begleitet und dann die Fußgänger*innen nervt.

Lino: Ich baue da auch auf neue Mehrheiten in den Bezirksvertretungen, da können wir einiges bewirken. Gerade in Nippes tut das neue, bunte Bündnis da wirklich gut.

Welche Maßnahme in den letzten Jahren in Köln hat euch gut gefallen, vielleicht sogar begeistert?

Simone: Da haben wir länger nachgedacht. Die Lastenradförderung hat uns begeistert. Man sieht im Stadtbild, dass Familien ihre Mobilität umstellen.

Lino: Sehr erfolgreich ist das Fahrradabstellprogramm – auch mit kleinen Maßnahmen kann man schnell etwas erreichen. Gut ist auch das Radverkehrskonzept Innenstadt. Es ist gut, dass wir da eine solide Planungsgrundlage haben, wir müssen sie aber schneller umsetzen.

Schade – keiner nennt die Sperrung der Zülpicher Straße.

Lino: Weil das schon so lange her ist! Aber die Sperrung zeigt, was man mit kleinen Maßnahmen bewegen kann. Zusammen mit dem Eifelwall bekommt meine eine Ahnung, wie die Zukunft des Grüngürtels aussieht.

Simone: Das liegt auf dem Schulweg eines unserer Kinder. Es ist ein großes Glück, dass es dort die Sperrung gibt, auch wenn es davor und danach eher katastrophal ist. 

In Barcelona gibt es die Superblocks, mit Fokus auf Fuß- und Radverkehr, in Paris neue Radwege, die Menschen auf das Fahrrad bringen. Hängen uns andere Metropolen ab?

Lino: Sie sind uns ein paar Schritte voraus und haben ein anderes Tempo. Bei uns stimmt der Weg, aber das Tempo noch nicht.

Simone: Ja! Aber wir können sie noch einholen, wenn wir jetzt richtig Gas geben bzw. in die Pedale treten!

Woran hakt es denn in Köln bei Maßnahmen für den Fuß- und Radverkehr?

Simone: Ich denke, uns fehlt noch die Vision. In Paris hat man erst beschlossen, dass es ein Radwegnetz geben soll, und dann geschaut, wie man es umsetzen kann. Anne Hidalgo hat eine echte Vision und sagt: Wir machen das jetzt! Wir verfangen uns oft im Klein-Klein. In Köln wird viel intern geplant, wenig mit externen Büros. Fördertöpfe werden nicht wirklich angegangen und neue Leute in der Verwaltung können sich nicht wirklich durchsetzen.

Lino: Wir haben in Köln viel Misstrauen zwischen Politik und Verwaltung. Wenn sie uns zwischendurch mehr abholen würden und Vorentwürfe präsentieren, entfallen viele Abstimmungsschleifen. Heute müssen wir uns bei Änderungsanträgen anhören, dass wir alles verzögern. Besser wäre es, wir bekämen Varianten zur Entscheidung. Auch eine klare Aufgabenteilung hilft. Wenn Parkplätze wegfallen, trifft das ja nicht immer auf Gegenliebe. Aber man kann sagen: Ja, das wollen wir als Politik.

Simone: Im letzten Jahr fand ich Berlin Friedrichshain sehr beeindruckend: Es gab eine politische Vorgabe, und die Verwaltung hat zeitnah Pop-up-Bike-Lanes und temporäre Spielstraßen umgesetzt, was Spielplätze echt entlastet und Freiräume geschaffen hat.

Lino: Wir müssen uns mehr Sachen trauen - wenn die Straßenverkehrsordnung es zulässt, dann sollten wir es ausprobieren.

Simone: Es braucht eine Fehlerkultur – die lösungs- statt problemorientiert ist!

Zum ÖPNV – mit welchen Maßnahmen bekommen wir hier schneller was im Alltag mit?

Lino: Schienenverkehr hat einen sehr langen Vorlauf, viele Planungen sind nicht so weit, wie wir das gerne hätten. Da liegt im Busverkehr das Potential, gerade auch mit Elektrobussen. In die Quartiere, wo wir eine Stadtbahnanbindung haben möchten, können heute schon Busse fahren. In den Außenbezirken probieren wir mit Isi On-demand-Verkehr aus, ich bin überzeugt, dass das ein Erfolg wird.

Simone: Ich würde mir Takterhöhungen wünschen, mehr als 15-Minuten am Wochenende. Auch eine bessere Fahrradmitnahme, um am Ende auszusteigen und den Rest mit dem Rad zu bewältigen.

Simone, kommen eure Botschaften in der Politik an?

Simone: Wir sind etabliert in der Verbändelandschaft, die eher männergeprägt ist. Alle haben ihren Blick geweitet und nehmen öfter auch die Perspektive von Familien auf. Die Bezirksbürgermeister nehmen an der Kidical Mass teil, Frau Reker auch, wenn auch noch nicht auf dem eigenen Rad.

Lino: Es ist gut, wenn sich die Fachverbände zu Wort melden. Ihr sprecht für ganze Bevölkerungsgruppen, das hilft uns gegenüber den politischen Partnern und der Verwaltung. Dann sind es nicht nur die „verrückten Grünen“, die eine Meinung vertreten.

Simone: Das ist dann ja das Zusammenspiel, wie es sein soll!

Das Interview führte Martin Herrndorf.


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