Tessa Ganserer: „Das Verbindende ist die Andersartigkeit“

Interviewerin: Elke Hausner

Interview mit Tessa Ganserer, der ersten trans-identen Landtagsabgeordneten. Das Gespräch führte Elke Hausner am 22.06.2019 am Rande der „PRIDE Denkwerkstatt 2019“.

Elke Hausner: Das Motto der Kölner Grünen beim diesjährigen ColognePride ist „QueerGrün: Gleichberechtigung ohne Wenn und Aber“. Hast du das auch so erlebt, sind die GRÜNEN wirklich so offen?

Tessa Ganserer: Ja, ich bin davon überzeugt, dass es so ist. Es ist ganz offensichtlich, dass die Grünen schon immer und von Anfang an eine Menschenrechtspartei waren. Eine Partei, die sich mutig hingestellt hat und sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt. Auch deswegen sind die Grünen von Anfang an meine politische Heimat gewesen. Es waren nicht nur die Umwelt- und Naturschutzthemen, sondern auch die Menschenrechtsthemen mit denen ich mich verbunden gefühlt habe.

Hast du diese Offenheit auch persönlich erfahren?

Mir war klar, dass das Exklusivinterview zu meinem Coming-Out in der Süddeutschen Zeitung (1) ein großes mediales Interesse erzeugen wird. Vor diesem Interview habe ich natürlich die Fraktion eingeweiht, damit die nicht aus allen Wolken fällt. Also, die Kolleginnen und Kollegen standen danach Schlange, um mich zu umarmen und ich habe von Anfang an absolute Unterstützung gehabt.

Nichtsdestotrotz brauchen wir auch innerhalb der Grünen mehr Sichtbarkeit für queere Menschen allgemein und insbesondere für trans Personen. Es sind einfach so viele Menschen bisher noch nie in ihrem Leben mit dem Thema „trans“ in Berührung gekommen, in der Schule lernt man ja sowas nicht.

Wäre so ein Outing auch in einer anderen Partei möglich gewesen?

Schwer zu sagen, weil es eine hypothetische Frage ist. Es sollte überall möglich sein. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass es in anderen Parteien viele nicht geoutete queere Menschen gibt. Das zeigt mir, dass noch immer eine große Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung vorhanden ist. Ich glaube da müssen wir generell arbeiten, dass es queeren Menschen - nicht nur trans Personen - in der nächsten Generation leichter fällt zu ihrer Identität zu stehen.

Besonders Politiker*innen finden sich in einer schwierigen Position, da wohl viele das Gefühl haben, ein bestimmtes Bild erfüllen zu müssen.

Mein Mandat hat mir das Coming-Out nicht leichter gemacht. Es wäre ja naiv gewesen zu glauben, ich könnte als Frau in den Landtag spazieren und so tun, als wäre nichts gewesen. Es war mir vollkommen klar, dass ich damit ein großes mediales Interesse auf mich ziehen werde. Man weiß nicht, wie die Medien reagieren, man weiß nicht wie die Gesellschaft reagiert. Das macht es einem natürlich schwer. Die Reaktionen haben mir unheimlich gutgetan. Weil mich aus der ganzen Welt positive Zuschriften erreichen. Ganz viele auch aus Bayern, von Wähler*innen, die definitiv selbst nicht betroffen sind.

Anfang Mai hat die Grüne Landtagsfraktion in Bayern als Reaktion auf den Referentenentwurf zur Transsexuellen-Gesetz (TSG)-Reform einen Dringlichkeitsantrag (2) veröffentlicht. Eine zentrale Forderung ist, dass das TSG durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt wird. Weshalb ist diese Forderung so wichtig?

Der Staat behandelt uns trans Menschen noch wie unmündige Personen. Ich finde, diese Zeiten sind längst vorbei. Wir leben heute nicht mehr im Mittelalter, wo der Gutsherr entscheidet, wer heiraten darf und wer nicht. Man kann sich nicht für ein Geschlecht entscheiden, sondern man ist so. Und man muss es irgendwann selbst akzeptieren, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Deswegen finde ich das Verfahren, dass wir trans Menschen einen Antrag bei Gericht stellen müssen, dass wir psychologische Gutachten über uns ergehen lassen müssen, dass wir uns intimste Fragen zu unseren frühkindlichen Erfahrungen, zu unserem Sexualleben, zu den Sexpraktiken gefallen lassen müssen, als entwürdigend.

Deshalb fordern wir ein Gesetz auf geschlechtliche Selbstbestimmung. Nur ich allein kann über mein Geschlecht Auskunft geben und es muss diesem Staat reichen, wenn ich das entsprechend beim Standesamt deutlich mache. Dann muss dieser Staat meinen Geschlechtseintrag in den amtlichen Dokumenten so anstandslos ändern, wie wenn ich meinen Hauptwohnsitz ummelde.

Gibt es da Vorbilder?

In anderen Ländern wie Dänemark, Malta und einigen anderen ist das längst der Fall. Und ich verstehe nicht, wovor die konservativen Politiker*innen Angst haben. Ich erlebe da in weiten Teilen die Gesellschaft wesentlich toleranter als SPD und CDU/CSU Politiker*innen.

Macht es dir Angst, dass Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, immer mehr Ziel von Hass werden? Oder wie im Fall von Walter Lübcke sogar ermordet werden?

Ich bin zutiefst besorgt, dass wir hier in Deutschland mordende rechtsextreme Terroristen haben, die alles daransetzen, das friedliche Miteinander zu zerstören. Und ich bin besorgt, dass ein Bundesinnenminister nicht mehr in der Lage ist, seinen Job zu machen, und zwar unsere offene demokratische Gesellschaft vor diesen Terroristen zu beschützen. Aber ich habe deswegen keine Angst, nicht um mich persönlich.

Wie empfindest du das Miteinander zwischen Lesben, Schwulen und trans Personen? Das ist ja nicht ganz spannungsfrei.

Also ich glaube, dass es „die“ Community in dem Sinne eigentlich nicht gibt. Wenn ich mir, egal ob trans Personen, Schwule oder Lesben anschaue, dann ist das einzige Verbindende oft nur die eigene Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung. 

Das Verbindende ist eben diese Andersartigkeit und deswegen ist es für mich nicht verwunderlich, dass es innerhalb der Community diese Fragmentierung gibt. Dass trans Männer ihre eigenen Gruppen einfordern, um ihre eigenen Bedürfnisse und Probleme zu besprechen und sich in gemeinsamen Gruppen mit trans Frauen nicht 100% zu Hause fühlen. Diese Differenzierung ist für mich zutiefst nachvollziehbar.

Aber es darf niemals passieren, dass wir uns deswegen richtig in die Haare bekommen und vergessen, wo der eigentliche Gegner ist. Diese Differenzen dürfen niemals zu einer Spaltung führen. Sondern das Problem ist die in weiten Teilen nicht vorhandene Toleranz in der Cis-Mehrheitsgesellschaft. Deswegen war Stonewall so wichtig. Es ist auch heute noch notwendig bei den PRIDES für unsere Rechte gemeinsam auf die Straße zu gehen. So wie damals standen eben nicht nur schwule weiße Männer in Lederklamotten auf der Straße, sondern neben ihnen an vorderster Front auch Lesben und trans Personen. Das ist unsere Stärke, dass wir als Regenbogenfamilie zueinanderstehen und füreinander da sind.

(1) https://www.sueddeutsche.de/bayern/tessa-ganserer-transfrau-landtag-1.4274552

(2) http://www1.bayern.landtag.de/ https://gruenlink.de/1mom