Kölner Stadt-Anzeiger vom 19.03.04

„Lärm-Opfer keine Simulanten“

VON GÜNTHER BRAUN, MALTE EWERT UND TIM STINAUER,

Die Verwaltung des Köln-Bonner Flughafens sieht sich bestätigt.

Köln - „Im krassen Gegensatz zu der Wirklichkeit, wie sie Zehntausende von Anwohnern in der Region um den Flughafen Köln / Bonn erleben“ sieht Helmut Breidenbach, Vorsitzender der Lärmschutzgemeinschaft Flughafen Köln / Bonn die Ergebnisse der DLR- Studie zum Fluglärm. Sie seien „mehr als überraschend“. Breidenbach über die Bewohner der Region: „Was würden diese freiwillig bezahlen, hätten sie »nur« zwei Minuten weniger Schlaf in einer Nacht, wie es die Studie vorgaukelt?“ Wie andere Kritiker, so bemängelt auch Breidenbach die Auswahl der Probanden. Zudem nehme die Studie nur eine Momentsituation auf und mache keine Aussage zu den Folgen langfristiger nächtlicher Fluglärmbelastung. Auch würden zwar niedrige Aufwach-Schwellen ab 33 dB(A) ermittelt, aber entgegen anderen weltweit vorliegenden Untersuchungen werde den „nicht erinnerlichen Aufwach-Reaktionen“ kaum Bedeutung beigemessen.

Die Ansicht, dass die Auswahl der Probanden nicht repräsentativ sei, vertritt auch der Siegburger Umweltmediziner Arno Lange von der „Ärzteinitiative für ungestörten Schlaf“: „Durch diese Auswahl wird allein im Rhein-Sieg-Kreis weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausgeblendet.“ Zudem sage die Studie nichts aus über die Auswirkungen der Geräuschkulisse auf den Bluthochdruck. Ergebnisse früherer Untersuchungen hatten wiederholt einen Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgewiesen. „Das Ganze erscheint mir daher ziemlich fragwürdig“, resümiert Lange.

Als inhaltlich völlig überschätzt bewerten die Grünen im Rat der Stadt Köln die Untersuchung. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Jörg Frank kritisierte, die These, „dass bei Ausschöpfung der technisch machbaren Schallreduzierung und deren konsequenter Umsetzung solch eine Lärmverringerung erreicht werden könne, damit das Wachstum im Flugverkehr unverändert fortschreiten könne, zeugt eher von naiver Technikgläubigkeit als von wissenschaftlicher Seriosität“. Die Studie gebe nicht her, dass die Gesundheitsschädlichkeit des Fluglärms zu relativieren sei.

Durchaus zufrieden zeigt sich der Flughafen mit der Studie. Flughafen-Sprecher Walter Römer: „Wir begrüßen sehr, dass nun endlich solide wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Thema vorliegen, zu dem bisher doch sehr viel spekuliert wurde. Es ist immer Politik unseres Flughafens gewesen, Nachtflug und Nachtruhe gleichermaßen zu sichern.“ Römer wies darauf hin, dass man für die Sicherung der Nachtruhe „erhebliche Anstrengungen unternommen“ habe, etwa das Programm zum passiven Schallschutz für 85 Millionen Euro. Durch die DLR-Studie „fühlen wir uns in unserer Haltung bestätigt“.

Mit heftiger Kritik haben viele Bewohner des Bergischen Landes auf die Studie reagiert. Insbesondere in Rösrath und Overath sind die nächtlichen Starts und Landungen seit Jahren ein Ärgernis. Der Sprecher der Forsbacher Bürgerinitiative gegen Fluglärm, Physik- Professor Joe Buchholz, bemängelt die geringe Aussagekraft: „Es wurden nur 192 Personen untersucht. Das ist zu wenig. Außerdem hätte man sich nicht nur auf junge und gesunde Menschen beschränken dürfen.“ Tausende Bürger würden im Bergischen unter Fluglärm leiden, und das können - so Buchholz - „nicht alles Simulanten sein“. Die Testkandidaten im DLR-Schlaflabor seien zudem mit der Gewissheit ins Bett gegangen, dass sie Fluglärm ausgesetzt werden: „Aber wir im Bergischen wissen selten vorher, wann uns der Krach weckt.“

Die DLR-Studie könne nur ein Anfang weiterer Untersuchungen sein, meint der Bergisch Gladbacher Vertreter in der Fluglärmkommission, Karl-Heinz Sterzenbach: „Gutachten sind die eine Seite. Die vielen Bürgerbeschwerden, die uns erreichen, eine ganz andere.“ Unter „Studiobedingungen“ könne kaum der psychische Bereich des Problems untersucht werden: „Live ist anders.“ Menschen, die ahnten, dass sie auch in zehn Jahren noch Fluglärm ausgesetzt seien, reagierten viel empfindsamer als Testkandidaten.

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