#152 - März 2003

Humboldt-Siedlung: Gerettet?

Gastkommentar von Professor Dr. Otker Bujard


Sie ist zweifellos einmalig in Köln, die Humboldt-Siedlung in Köln Ostheim, ins Grün gebettet 15 Häuser, jeder Quadratmeter und jeder Kubikmeter von den Bewohnern gestaltet; in Selbsthilfe, nachbarschaftlich; im Austausch, solidarisch. Ab 1944 Heimat für über vierzig Familien, seit Klöckner–Humboldt–Deutz (KHD) das Gelände der heutigen Siedlung umfunktionierte: Nicht mehr Lager für fremde Zwangsarbeiter, sondern Ersatzwohnungen für die eigenen und deren Familien. „Alles haben die Leute mit ihren eigenen Händen gemacht. Wir haben immer weitergegeben. Jeder hat gekriegt, einer vom anderen“ (KHD-Arbeiter der ersten Stunde).

Aus der Tradition der frühen Tage erhielten sich Geist und Praxis der Gegenseitigkeit. Sie flossen ein in das Engagement für die Erhaltung der Siedlung und hatten Geltung bis in die jüngste Zeit. Seit die Stadt Köln 1974 das Grundstück von KHD kaufte, gerieten die Bewohner zweimal in die akute Gefahr, aus ihrer „Siedlung im Grünen“, ihrer „Oase“, ihrem „Paradies“ vertrieben zu werden: 1975 durch die SPD-dominierte, 2001 durch die CDU/FDP-regierte Stadt. Beide Versuche scheiterten am Widerstand der Bewohner und ihrer Unterstützer.

Bewohnerwunsch: Genossenschaft
Mitte 2001 erhärteten sich Gerüchte, die Stadt wolle die Siedlung abreißen. Mal wieder. Ältere Bewohner erinnerten sich: Vor 25 Jahren sollten sie für Gewerbeansiedlung Platz machen. Auch dieses Mal ging es um die „rentablere Nutzung des Geländes“ – wie es Kämmerer Soénius öffentlich ausdrückte. Mit einem aus dem Ärmel gezauberten Sanierungsbedarf von fast 4 Mio DM begründete die Verwaltung ihren Aufmarschplan: Die Grubo sollte das Gelände übernehmen und die Häuser „entmieten“. Danach würden die Häuser abgerissen und das Grundstück zum Verkehrswert an die Grubo verkauft – zur Bebauung mit hochwertigen Einfamilienhäusern. Der Plan, günstig für die klamme Stadtkasse, nahm keine Rücksicht auf die Bewohner. Diese hatten immerhin seit Jahr und Tag mit hohem Aufwand ihre Häuser wertvoll ausgebaut und qua Mietvertrag sämtliche Reparaturen übernommen, auch – gegen alle Regel – die „an Dach und Fach“. So sicherten sie der Stadt bei geringem Verwaltungsaufwand erhebliche Mieteinnahmen. Nach stürmischen Protesten des „Vereins zur Erhaltung der Humboldt-Siedlung“ und ersten öffentlichen Reaktionen ruderte der Kämmerer zurück. Auf einer Bewohnerversammlung spricht er von „unverantwortlichen Gerüchten“ und „unkündbaren Mietverträgen“. Er verspricht, gemeinsam mit den Bewohnern über alle Varianten eines Verkaufs der Siedlung nachzudenken, auch über das vom Verein und den Bewohnern favorisierte Modell der Übernahme der Siedlung in Genossenschaftshand. Zu den behaupteten, von den Bewohnern bezweifelten gravierenden Mängeln an der Bausubstanz kündigt Soénius ein Gutachten an. Das hörte sich an, als könnte zum künftigen Leitbild der Stadt Köln schon heute eine dienstleistende Verwaltung gezählt werden, die soziale Verantwortung und wirtschaftliches Handeln nicht in Widerspruch geraten lässt.

Durchsetzungsverwaltung
Der Kämmerer brach aber sein Versprechen. Nichts wurde erörtert. Nachdem das Gutachten die Siedlungshäuser von substanziellen Mängeln „freigesprochen“ hatte und damit Abrissvorwände vom Tisch waren, ging die Verwaltung in die Offensive. Sie lud die Mieter einzeln vor und drängte sie zum Kauf ihrer Wohnungen. Individuelles Eigentum sollten sie bilden, die genossenschaftliche Alternative sei überholt und zu teuer. Mit jedem Erfolg der Verwaltung bei den verunsicherten Mietern wuchsen Misstrauen und Streit in der Siedlung. Die Gemeinschaft löste sich auf. Der um Hilfe gebetene Oberbürgermeister deckte die Verwaltung. Als Bewohnervertreter auf einer öffentlichen Versammlung dem „AllerBürgerMeister“ Schramma vortrugen ihr „Paradies“ sein in Gefahr, höhnte er über ihre „paradiesischen Mieten“ und bei der Erwähnung einer Genossenschaftslösung raunzte er: „Das kriegt Ihr (Ihr!) doch gar nicht auf die Beine“. Solchermaßen von ganz oben gedeckt, veränderte die Verwaltung unter der Hand das Verkaufsziel: Zur leichteren Abwicklung der Siedlung und zur Vermeidung von Eigentümer-/Mieter-„Mischverhältnissen“ sollten auf einmal nur noch ganze Blockeinheiten von 2-3 Wohnungen verkauft werden, auch an Käufer von außerhalb. Könne ein Block nicht als ganzer verkauft werden, müsse „entmietet“ und abgerissen werden. Neben dieser Gefahr zeichnete sich die Neusortierung der Bewohner in Eigentümer und abhängige Mieter ab – in den Augen der Bewohnermehrheit das endgültige Aus für die Gemeinschaft.

Order der Politik
Auf Ratsebene unterstützten die Grünen die genossenschaftsfreundliche Bewohnermehrheit, die den blockweisen Ausverkauf heftig bekämpfte. Im Dezember 2002 erreichten die Grünen allen Verwerfungen um den Verkauf von Grubo/GAG zum Trotz die zarte Frühform einer grün-schwarzen Koalition, die durch zwei Ratsbeschlüsse sicherstellte,
- dass jeder Mieter seine Wohnung kaufen kann;
- dass auch Kinder für ihre Eltern Wohnungen erwerben können -zur Kondition 10% der Kaufsumme sofort, den Rest in 20 Jahren und
- dass die Verwaltung ihr Konzept des blockweisen Verkaufs zurückzog.

Auf dieser Grundlage haben 24 Parteien ihre Wohnung direkt gekauft, 14 über ihre Kinder, 3 Wohnungen stehen leer.

Fazit
Soziale Kosten: Dem administrativen Handeln der Stadt gelang die Abwicklung einer bewährten sozialen Struktur.
Materielle Kosten: Die Stadt muss auf 90% der Kaufsumme für 14 Wohnungen 20 Jahre lang warten. Bei einer Genossenschaftslösung hätte sie die Kaufsumme auf einen Schlag erhalten – jetzt, da sie es nötig hat.
Sozialer Nutzen I: Die Bewohner haben mal wieder ihre Siedlung gerettet, wenn auch mit großen Verlusten.
Sozialer Nutzen II: Die Politik hat die Durchsetzungsverwaltung gestoppt.
Auf beidem lässt sich aufbauen.

Prof. Dr. Otker Bujard
Fachhochschule Köln, ist seit 1975 Unterstützer der Bewohner der Humboldt-Siedlung.

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