#157 - November 2003

Zentralmoschee für Köln

 


 A.Ünalvon Arif Ünal

Die Grünen setzen sich seit Jahren für den Bau einer zentralen, repräsentativen Moscheebau in Köln ein. Die jüngsten Medienberichte und Anfragen veranlassen die grüne Ratsfraktion, die aktuelle Situation detailliert darzustellen.

Weltfremd

Vor einem Jahr hatten die Grünen die Forderung des Stadtkämmerers kritisiert, „dass sich alle interessierten Verbände zwecks Trägerschaft in einem Verein zusammenschließen müssen“. Diese Position widerspricht dem Ratsbeschluss vom 3.7.2001 von CDU, GRÜNEN und FDP und ist zudem völlig weltfremd. Auch die Gründung eines Vereins mit dem Namen „Kölner Zentralmoschee“ ändert daran nichts. Die Bedingung der „Vereinheitlichung“ hat im übrigen die SPD jahrelang vorgeschoben, um eine Zentralmoschee zu verhindern.

Vielfalt des Islam
Nicht nur Fachleute wissen: Es gibt keine einheitliche Auffassung des Islam, vielmehr existieren verschiedene Rechtsschulen, die den Islam sehr unterschiedlich auslegen. Dies spiegelt sich auch in den Staatsformen der Länder wieder, in denen mehrheitlich Muslime leben. Da im Islam kein religiöses Oberhaupt existiert, hat sich diese Religion unterschiedlich entwickelt. Es gibt Staaten im Form „islamischer Republiken“, wie Iran, Saudi-Arabien, Sudan, Jemen, Pakistan, und Malaysia. Staaten, die zwischen säkularer und islamischer Ordnung schwanken, wie Syrien, Jordanien, Ägypten, Algerien, Libyen oder Senegal. Staaten, die bedingt säkular sind, wie Tunesien, Marokko, Westsahara, Mali, Niger, Tschad und Nigeria. Unter den islamisch geprägten Ländern ist die Türkei der einzig säkulare Staat, obwohl nach offizieller Statistik 99% der Bevölkerung Muslime sind.

Die Organisationsstruktur der Muslime in der Bundesrepublik spiegelt diese Vielfalt wieder. Deshalb ist es realitätsfern, alle islamischen Organisationen gleichsetzen zu wollen. Fakt ist zudem, dass keine Organisation oder Dachverband den Anspruch erheben kann, alle Muslime zu repräsentieren. Sie können jeweils nur ihre Mitglieder vertreten, da im Islam keine zwangsläufige Zugehörigkeit zu einer Gemeinde wie bei den christlichen Religionsgemeinschaften existiert. Die meisten Muslime sind nicht organisiert.

Muslime in Köln
Die größte Gruppe von Muslimen in Köln bilden die 69.563 MigrantInnen aus der Türkei, gefolgt von den 4.715 MigrantInnen aus Iran, 2.569 aus Bosnien-Herzegowina, 2.548 aus Marokko, 2.303 aus dem Irak, 1.208 aus Afghanistan, 1.120 aus Tunesien und ca. 100 bis 300 MigrantInnen aus anderen Ländern wie Pakistan, Syrien, Aserbaidschan, Algerien, Ägypten usw. Hinzuzählen muss man auch die eingebürgerten MigrantInnen und deutschstämmige Muslime. Somit leben über 100.000 Muslime in Köln. Die aus der Türkei stammenden Aleviten gehören nicht dazu. Sie beten nicht in einer Moschee.

Kontroverse Konzepte
In Köln existieren nun zwei Konzepte für einem repräsentativen Moscheebau. Eins vertritt der in 2002 gegründete Trägerverein „Kölner Zentralmoschee“, das andere die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB). Bereits in „Rathaus Ratlos“ Nr. 149 wurde das Projekt des Trägervereins „Kölner Zentralmoschee“ kritisch beleuchtet. Die Grünen halten das Konzept für nicht zielführend.

Die Gründe dafür sind:

Erstens: Der Trägerverein plant ein „Muslimisches Wohn- und Wirtschaftszentrum“ mit einem Investitionsvolumen von 150 Mio € mit Zentralmoschee, Geschäften, Hotel, Büro, Wohnungen und Kindergarten. Dabei machen Moschee und Sozialeinrichtungen nur 10 % der Investition aus. Im Kern handelt es sich um ein großdimensioniertes Immobilienprojekt, wodurch ein kleines geschlossenes Stadtviertel entsteht. Das entspricht nicht dem Ratbeschluss.
Zweitens: Laut Finanzplan soll 30% der Investition von ungenannten ausländischen Investoren sowie 70% durch Anteilsverkauf an Muslime aufgebracht werden. Finanzierungskonzept und der darüber maßgeblich ausgeübte Einfluss der Geldgeber ist völlig intransparent.
Drittens: Die Trägervereinsgründung wurde durch den „Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)“ mit deutlicher Unterstützung der Kölner FDP initiiert.
Mit 15 Gründungsmitgliedern suggeriert der Trägerverein, einen erheblichen Teil der Muslime zu vertreten. Tatsächlich vertritt er nur eine Minderheit.

Hinter den Kulissen
Welche Mitglieder sind nun beteiligt?
Z.B. die Bosnische Islamische Kulturgemeinde BIK, Mitglied der Vereinigung der islamischen Gemeinschaft der Bosniaken, die wiederum Mitglied im „Islamischen Konzil“ in Deutschland (IK-D) ist. IK-D gehört dem „islamischen Weltkonsil“ (IWK) an. IK-D wird seit seiner Gründung weitgehend von der saudi-arabischen Regierung gesteuert.
Oder z. B. die Türkisch-Islamische Union in Europa: ATIB ist Mitglied im ZMD und hat für seine 120 Mitglieder nur eine Moschee am Sachsenring. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs Nord (IGMG) ist Mitglied des Islamrates (IR) und IK-D.
Nicht der Verfassungsschutz sondern auch unabhängige Fachleute sind sich über die ablehnende Haltung von Milli Görüs und mit ihr verflochtener Gruppen zu Demokratie, Pluralismus und der Verfassung der Bundesrepublik einig. Die Islamische Gemeinschaft in Köln (IGD Köln) ist Mitglied im ZMD und IGD Deutschland. Der Vorsitzende von IGD Deutschland gehört zusammen mit dem Generalsekretär des IR zum Vorstand des IK-D. IGD Köln wird durch arabisch-islamischen Kreise getragen und unterhält Verbindung mit der Bilal Moschee in Aachen, die dem syrischen Teil der Moslembruderschaften (MB) untersteht. Sie hat 60 Mitglieder. Dawat ul-Haq ist eine kleine orthodoxe muslimische Gruppe mit 10 Mitgliedern, nämlich pakistanische, arabische, türkische und kurdische Muslime.

Das andere Konzept vertritt die Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB).
DITIB möchte auf ihrem Grundstück an der Venloer Strasse eine Zentralmoschee mit sozial-kulturellen Einrichtungen bauen.
In ihrem Schreiben an den Oberbürgermeister erklärt sie: „Wir möchten an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betonen, dass unser Vorhaben auch die gesellschaftliche Integration der in Köln lebenden Muslime befördern soll. DITIB sieht das Vorhandensein von verschiedenen Religionen und Kulturen als eine Bereicherung für die Gesellschaft, und setzt sich für das friedliche und tolerante Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen in einem demokratischen und offenen Gemeinwesen ein. Daher bezieht sich DITIB ausdrücklich positiv zu den Grundwerten und Normen der deutschen Verfassung und agiert auf der Basis der friedlichen-demokratischen Grundordnung und lehnt jeder Art von Gewalt, Extremismus und radikalen Fundamentalismus ab.“
DITIB möchte für die Zentralmoschee einen Beirat aus Vertretern der im Rat repräsentierten Parteien, der Verwaltung und der christlichen Kirchen bilden. DITIB ist unter den Muslimen als eine laizistische und liberale Organisation anerkannt und beteiligt sich seit Jahren am interreligiösen Dialog.

Die eindeutige Absage an jeglichen Fundamentalismus und antiplurale Ziele sowie die praktische Mitwirkung an gesellschaftlicher Integration hat bei den Ratsgrünen den Ausschlag gegeben, das Konzept von DITIB zu befürworten. Dies hat auch im Koalitionsvertrag Niederschlag gefunden. Die Verwaltung sollte nun das Verfahren für den Bau der Zentralmoschee zügig vorantreiben.

 

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